M A L E N   S I E   A U C H  ?
Gastkommentar für das Deutschlandradio Programmheft
von Sebastian Linnerz

Ich bin Grafikdesigner. In diesem Leben. Im nächsten Leben werde ich Journalist, Architekt oder Fotograf. Warum? Weil jeder weiß: Journalisten machen Texte, Architekten Häuser und Fotografen Bilder. Niemand hat eine Vorstellung davon, was ein Grafikdesigner eigentlich macht ...

»Sehr interessant. Und was ist da jetzt genau von Ihnen?« Mein Gegenüber schaut mich hilflos an. »Die Schrift- und Bildgestaltung habe ich entworfen«, sage ich. »Ach. Dann haben Sie also die ganzen Texte geschrieben?« »Nein«, sage ich, »die Texte schreiben die Redakteure. Ich habe nur die Gestaltung der Texte vorgegeben.« »Dann haben Sie die Fotos gemacht?« »Nein«, sage ich, »die sind von Bildagenturen. Ich habe nur das Raster entworfen. Für die Platzierung der Bilder.«

Ich sitze mal wieder in der Erklärungsfalle. Ich hätte dem Gastgeber dieser Party das Hörspielprogramm des Deutschlandradios nicht mitbringen sollen. Als man mich freundlich fragt, was ich denn »so mache«, hätte ich nicht sagen sollen, dass ich Grafikdesigner bin. Und dass ich zum Beispiel diese Hörspielbroschüre regelmäßig gestalte.

Ich will gerade ausholen und von Schriften mit und ohne Serifen schwärmen, da kommt sie auch schon: Die Frage, die mein über die Jahre voller Leidenschaft gewachsenes Fachwissen mit einem einzigen Satz vorübergehend in Luft auflöst. Siebzehn Jahre Buchstaben und Zeichen sind nach diesen drei Worten für einen Moment wie weggeblasen: »Malen Sie auch?« »Nein. Eigentlich nicht«, stottere ich und schiele nach dem Buffet. »Aber Sie zeichnen doch sicher?« »Nein, leider. Ich zeichne auch nicht.«

»Antiquagroteskversalhöhespacinglinksbündigflattersatz ...«, beginne ich einen unfreiwilligen Crashkurs in Sachen Typografie. »Visuellekommunikationcorporateidentitylogolayoutsignet ...«, steigere ich mich in einen zwanghaften Diskurs über die Grundwerte moderner Designphilosophie. Die Verwirrung meines Gegenübers ist heillos und endgültig. Und das Buffet nur noch ein Schlachtfeld ...

Warum erscheint allen Nicht-Grafikdesignern Grafikdesign so selbstverständlich? Grafiker werden nur als Illustratoren wahrgenommen. Wenn sie malen oder zeichnen. Nicht, wenn sie gestalten. Kennen Sie Picasso? Matisse, Warhol, Beuys? Klar. War nur ein Scherz. Kennen Sie Willy Fleckhaus oder Otl Aicher? Haben Sie schon von Erik Spiekermann, Neville Brody oder David Carson gehört? Nur fünf von vielen. Eine subjektive Auswahl bedeutender Grafiker/Designer/Schriftentwerfer der letzten 30 Jahre. Ihr Werk und der Einfluss, den sie auf andere Designer ausgeübt haben, umgibt uns alle täglich. In Zeitungen und Zeitschriften. Auf Plakaten, Buchumschlägen und CD-Covern. Im Fernsehen und im Internet. Und doch sind sie für die Öffentlichkeit namenlos geblieben.

»Design ... ist ein Teil des Ganzen, kommt gleich nach dem Inhalt und ist sein wichtigster Verbündeter«, schreibt Mario García, Zeitungsdesigner, in einem Text über seine Neugestaltung der ZEIT. Als Teil des Ganzen ist Design elementar: Es lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Botschaft und macht Stimmung für den Inhalt. Gutes Design kann einen Inhalt aufwerten. Schlechtes Design ruiniert ihn.

Es ist nicht gleichgültig, wie man ein gesprochenes Wort betont: Der Ton macht die Musik. Es ist nicht gleichgültig, wie man ein geschriebenes Wort typografiert: Gestaltung ist Teil der Bedeutung. Im Überfluss der Informationen kehrt sich dieses Verhältnis sogar um: Die Form selbst wird zur Botschaft. Der Inhalt tritt in den Hintergrund ...

Grafikdesign ist nicht selbstverständlich: Ist Ihre Tageszeitung ansprechend und gut lesbar gesetzt? Gefällt Ihnen der Buchumschlag des Romans, den Sie gerade lesen? Welches Plakat ist Ihnen in der letzten Zeit durch gute Gestaltung aufgefallen?

Ach so. Nachher war’s auf der Party doch noch nett. Seit vielen Jahren fotografiere ich auf Reisen typografische Fragmente auf Schildern und Wänden. Und gerade hatte ich die Bilder meiner letzten Italienreise vom Vergrößern abgeholt. »Sehr schön. Wo haben sie das aufgenommen?« »In Rom«, sage ich. Das war’s schon. Mehr muss man bei Fotos nicht erklären. Und wenn mich auf der nächsten Party jemand fragt, was ich mache, sag’ ich einfach: »Ich bin Fotograf«.

(September 1998)